Kirchenmusik Vol.1
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Sankt Emmeram

Zur Komposition

Das Nachtoffizium am Festtag des heiligen Emmeram
von Regensburg aus der Karolingerzeit

Das Nachtoffizium – auch als Vigilien bzw. Matutin bekannt – gehört zum Stundengebet der römischen Kirche: Die Lauden bei Tagesanbruch, die sogenannten Kleinen Horen (Prim, Terz, Sext und None), bei Sonnenuntergang die Vesper, beim Schlafengehen das Komplet, und das Nachtoffizium mitten i n de r Nacht gesungen. Verteilt über alle Gebetsstunden war das Singen der Psalmen, so dass alle 150 Psalmen im Laufe der Woche erklangen. Das Nachtoffizium war umfangreicher; ihre Gebete, Lesungen und Gesänge wurden in Nokturnen mit jeweils drei Psalmen und drei Lesungen zusammengestellt. An Festtagen wie dem Emmeramsfest wurden drei Nokturnen gesungen.

Von besonderer musikalischer Bedeutung bei den Gebetsstunden sind jene Gesänge, die die Psalmen umrahmen – die Antiphonen – und jene, die jeweils nach den Lektionen der Nokturnen vorgetragen wurden – die Responsorien. Für die gewöhnlichen Wochentage gab es einen Vorrat an Antiphonen und Responsorien, der sich durch das Kirchenjahr Woche für Woche wiederholte. An Sonn- und Feiertage erklangen jeweils eigene Gesänge, die allein an dem betreffenden Tag aufzuführen waren. Ihre Texte konnten auf den aktuellen Anlass hindeuten. Für einen bestimmten Festtag wurden etwa 20 Antiphonen und 10 Responsorien benötigt. Die mittelalterlichen Handschriften, in denen diese Gesänge verzeichnet sind, die Antiphonarien, enthalten typischerweise ca. 900 Re- sponsorien und 2000 Antiphonen, die Jahr für Jahr auswendig zu singen waren.


Unsere Kenntnisse über die lateinischen Gesänge der römischen Kirche - d.h., welche Gesänge an welchem Tag und zu welcher Melodie gesungen wurden - gehen auf die Zeit der Karolinger zurück. Pippin und Karl der Große bemühten sich, die liturgische Praxis in ihrem Reich nach römischem Vorbild zu reformieren. Für die Festtage der Heiligen sind erwartungsgemäß meist Stücke römischen Ursprungs in den alten Kodizes zu finden, nur äußerst selten sind nicht-römische, also gallikanische oder fränkische Heilige vertreten. Allein die ältesten überlieferten Gesänge für Martin, Mauritius und Dionysius von Paris (auch in St. Emmeram verehrt) sind wohl fränkischen, nicht römischen Ursprungs und wurden wohl im 8. Jahrhundert verfasst. Aus dem ganzen Gebiet östlich des Rheins waren so gut wie keine neue Heiligengesänge bekannt, mit Ausnahme der hier aufgeführten Emmeram-Gesänge aus den Jahren um 800. Sie sind die ältesten erhaltenen Gesänge zu Ehren eines ostfränkischen Lokalheiligen.


Ihre lateinischen Texte sind in einer Handschrift aus dem frühen 9. Jahrhundert (heute in Paris aufbewahrt) zu finden. Diese enthält ferner die Vita des hl. Emmeram von Arbeo von Freising. Laut Bernard Bischoff weist sie den Schriftcharakter von Handschriften aus dem Kreis des Erzbischofs Arn von Salzburg auf. Arn war ein enger Vertrauter Karls des Großen. Er stammte aus dem Freisinger Gebiet, war dort Diakon und Priester, 782 Abt des Klosters Saint-Amand in Nordfrankreich, 785 Bischof von Salzburg und nach der Erhebung Salzburgs zur Erzdiözese im Jahre 798 Erzbischof. Er war mit Alkuin befreundet und eng mit dem Hof Karls des Großen verbunden; in Rom assistierte er am 1. Weihnachtstag 800 bei der Krönung Karls zum Kaiser.


Als Emmeram Ende des 7. Jahrhunderts nach Regensburg kam, beabsichtigte er nicht, hier zu bleiben, sondern weiter nach Osten in das Gebiet der Avaren zu reisen. Die strategische Bedeutung der Stadt mit seinen noch mächtigen römischen Mauern machte sie zum natürlichen Stützpunkt für Karl den Großen, als er 791 - 793 den Krieg gegen die Avaren vorbereitete. Anderthalb Jahre verbrachte Karl ununterbrochen in unserer Stadt, länger als an jedem anderen Ort seines Reiches. Hat seine Hofkapelle den gregorianischen Gesang mit den Klerikern des Domes gesungen? Hat man die Hilfe Emmerams im Avarenfeldzug erfleht? Ist in dieser Zeit, aus diesem Anlass das neue Offizium zu Ehren des hl. Missionars, vielleicht auf Arns Vorschlag hin, entstanden?


In der alten Pariser Handschrift sind keine Musiknoten vorhanden. Das schriftliche Festhalten von Noten befand sich zu dieser Zeit erst in der Entwicklungsphase. Man würde annehmen, dass spätere Handschriften aus St. Emmeram die Gesänge aufweisen würden. Aber: Um 1030 hat Mönch Arnold neue Stücke verfasst, die die alten ersetzten. Alle späteren Emmeramer Quellen weisen Arnolds Gesänge auf. Man dachte, die Melodien der karolingischen Gesänge wären für immer verloren, bis im Jahre 2017 Barbora Kabátková die alten Melodien in einer Handschrift des 12. Jahrhunderts aus St. Georg am Hradschin entdeckte. Die Umstände sind nicht schwer zu verstehen. Bis 973 gehörte Prag zum Bistum Regensburg. Die Kathedrale St. Veit in Prag wurde 930 vom Regensburger Bischof Michael geweiht. Herzog Boleslaw I. schickte seinen ältesten Sohn Ulrich und seine Tochter Mlada/Maria zur Ausbildung an den herzoglichen Hof in Regensburg und den jüngeren Sohn Strachkvas/Christian nach St. Emmeram. Mlada wurde Äbtissin des Frauenkonvents St. Georg in Prag bei dessen Gründung im Jahre 976. Die ersten Schwestern des Konvents kamen wahrscheinlich aus dem Regensburger Niedermünster. Es überrascht also nicht, im besagten Prager Antiphonar des 12. Jahrhunderts ein Offizium für Emmeram zu finden. Sensationell ist jedoch, dass die Handschrift nicht Arnolds Gesänge aus dem 11. Jahrhundert, sondern jene des Offizium s aus der Zeit Karl s des Großen aufweist.


Die Melodien des Emmeram-Offiziums sind streng traditionell, der Komponist war offensichtlich bemüht, sich an die Normen des römisch-fränkischen Gesangs zu halten. Bekannte „gregorianische“ Antiphon-Melodien werden gebraucht; die Responsorien verwenden „klassisch-gregorianische“ Melodiewendungen. Sie sollten ja „richtig“ klingen, sonst wären sie dem Heiligen nicht würdig.


Das Nachtoffizium nimmt viel Zeit in Anspruch. Es ist wie alle Gebetsstunden rein meditativ. Anders als in den anderen Gebetsstunden gibt es im Nachtoffizium die Gelegenheit, während der Lesungen und Responsorien an das Leben des oder der betreffenden Heiligen zu denken. Wohl überflüssig daran zu erinnern, dass Emmeram, Vitus, Georg und andere Regensburger Kirchenpatrone unseren Vorfahren be- sonders nah standen, sowohl während als auch insbesondere am Ende des irdischen Lebens. Wie es der jüngere Emmeramer Mönch Arnold in einem Gesang zum Ausdruck brachte: „Sancte Emmeramme, martir Domini preciose, pro nostris intercede negligenciis apud eum, cuius clemenciam nulla mortalium superant delicta. / Heiliger Emmeram, kostbarer Märtyrer des Herrn, tritt als Fürsprecher für unsere Verfehlungen bei dem ein, dessen Milde größer ist als alle Vergehen der Sterblichen.“ Das Nachtoffizium ist als Gebet an den Heiligen als Fürsprecher zu verstehen.


Prof. em. Dr. David Hiley (Universität Regensburg)

Das Invitatorium sowie die Antiphonen und Responsorien wurden aus der Handschrift XII.C.3 der Bibliothek der Karlsuniversität Prag übertragen, der Hymnus Christus cui iustos ist der Handschrift Clm 14870 der Bayerischen Staatsbibliothek München entnommen. Die Lektionen sind aus der Vita et Passio Sancti Haimhrammi Martyris / Leben und Leiden des Hl. Emmeram des Arbeo, Bischof von Freising, Lateinisch-Deutsch hrsg. von Bernhard Bischoff (Ernst Heime- ran Verlag München, 1953), entnommen.


Für die Aufführung wurden einige Kürzungen in den Psalmen vorgenommen.